Krankheitsbild · Schulter
Kalkschulter (Tendinosis calcarea)
Kalkdepot in der Sehne, manchmal plötzlich heftiger Schmerz
Schulter4 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Kalk in der Sehne?
Im Röntgenbild ein weißer Fleck in der Schulter, und der Befund sagt: Kalkschulter. Kalk wie im Wasserkocher? Nicht ganz. Schauen wir hinein. Hier oben liegt der Obergrätenmuskel. Seine Sehne zieht unter dem Schulterdach zum Oberarmkopf. In dieser Sehne sitzt das Kalkdepot meistens, kurz vor ihrem Ansatz am Knochen. Es ist kein gewöhnlicher Verschleiß. Lebende Sehnenzellen lagern selbst Kalkkristalle ein, warum, weiß man bis heute nicht genau. Es trifft vor allem Menschen zwischen dreißig und sechzig, Frauen etwas häufiger. Und viele tragen so ein Depot, ohne es je zu merken.
Bilden, ruhen, auflösen
Erst wird der Kalk gebildet. Das Depot ist dann fest wie Kreide. In dieser Phase tut es oft nur mäßig weh, beim Heben oder nachts, manchmal gar nicht. Dann kann es Monate oder Jahre ruhen. Irgendwann beginnt der Körper, den Kalk abzubauen. Das ist eigentlich die gute Nachricht. Nur fühlt es sich nicht so an. Beim Abbau wird der Kalk weich wie Zahnpasta, Fresszellen und Blutgefäße wandern ein, das Gewebe schwillt an. Bricht der Brei in den Schleimbeutel durch, entzündet der sich heftig. Das ist der Schmerz, mit dem manche nachts in die Notaufnahme fahren. So schlimm er ist: Oft ist er der Anfang vom Ende des Depots. Beim seitlichen Heben tut es oft in der Mitte am meisten weh, oben wieder weniger. Dort trägt die gereizte Sehne viel Last, dicht unter dem Schulterdach.
Bei uns: untersuchen, testen, ausschließen
Bei uns frage ich: Kam der Schmerz schleichend, oder ganz plötzlich und so heftig, dass Sie den Arm kaum bewegen können? Das verrät oft schon die Phase. Den Kalk selbst sieht man im Röntgen oder Ultraschall. Wolkig und unscharf spricht eher für Abbau, scharf begrenzt und dicht eher für ein festes Depot. Aber Achtung: Kalk sieht man auch bei vielen ohne Beschwerden. Der weiße Fleck allein erklärt den Schmerz nicht. Ich teste wie bei jeder Sehnenreizung Heben, Drehen und Kraft. Eine heiße, rote Schulter mit Fieber gehört sofort zum Arzt, denn dahinter kann eine Entzündung im Gelenk stecken. Dann passen wir den Plan gemeinsam an: Erst wieder schlafen, dann wieder arbeiten, dann wieder Sport?
Was hilft
Die gute Nachricht zuerst: Der Körper baut den Kalk oft von allein ab, bei manchen in Monaten, bei anderen in Jahren. Was wir bei der Untersuchung herausfinden, entscheidet, in welcher Phase Sie starten. Phase eins: beruhigen. In der heftigen Abbauphase zählt erst einmal Linderung. Eine Spritze vom Arzt in den Schleimbeutel kann die schlimmsten Tage überbrücken. Den Arm sanft bewegen, pendeln, nichts erzwingen. Phase zwei: aufbauen. Wie bei jeder gereizten Sehne: Schulterdrücken mit dem Band, Außendrehen, Rudern, mit Last, die langsam steigt. Phase drei: belastbar. Die Kiste ins Regal, Arbeiten über Kopf, Sport. Bleibt ein festes Depot über Monate schmerzhaft, gibt es Stoßwellen. Kräftige Stoßwellen helfen in Studien besser als eine Schein-Behandlung. Oder das Spülen mit der Nadel unter Ultraschall: Nach einem Jahr war es besser als eine Spritze allein, nach fünf Jahren nicht mehr. Eine Operation bleibt die Ausnahme. Und bei vielen ist der weiße Fleck nach ein paar Jahren verschwunden.
Heiße, rote Schulter mit Fieber: sofort ärztlich abklären lassen.
Mehr als Anatomie: Hier sehen Sie den körperlichen Teil. Wie stark etwas weh tut, hängt auch von Schlaf, Stress, Sorgen und Erfahrungen ab und davon, wie es bei der Arbeit und zu Hause läuft. Das macht den Schmerz nicht weniger echt, mehr dazu in „Schmerz ist mehr als Gewebe“. Zur Erklärung
Übungen dazu bei uns
So sehen die Übungen in unserem Trainingsraum aus, mit Martin im Foto und den arbeitenden Muskeln im Modell:
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