So wirkt Therapie
Schmerz ist mehr als Gewebe: das biopsychosoziale Modell
Warum Schlaf, Sorgen, Arbeit und Rückhalt mitbestimmen, wie laut der Schmerz ist
So wirkt Therapie6 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Bio: Gewebe, Nerven, Alarm
Alles, was Sie in diesem Atlas bisher gesehen haben, ist Biologie: Knochen, Muskeln, Sehnen, Nerven. Das ist wichtig, aber nur ein Teil der Geschichte. Zwei Menschen mit dem gleichen Befund im MRT haben oft völlig verschieden starke Schmerzen. Wie passt das zusammen? Ist Gewebe gereizt, etwa ein kleines Wirbelgelenk, melden Gefahrenmelder das ans Rückenmark. Die Meldung läuft hinauf bis in den Thalamus, eine Umschaltstelle im Gehirn. Fachleute nennen das Nozizeption: eine Gefahrenmeldung, noch kein Schmerz. Ob und wie stark es weh tut, entscheidet das Gehirn. Schmerz ist ein Schutzsignal, kein Messgerät für Schaden. Laut der internationalen Schmerzgesellschaft hängt er immer, mal mehr, mal weniger, von Körper, Psyche und Umfeld ab. Fachleute sagen: biopsychosozial.
Psycho: Sorgen, Schlaf und Stress drehen mit
Der Rücken zieht, und im Kopf läuft schon der Film: Da ist bestimmt etwas kaputt. Fachleute nennen dieses Hochschaukeln Katastrophisieren. Das ist keine Schwäche, sondern ein Gehirn, das Sie schützen will. Dann bewertet es die Meldung als gefährlicher. Mit dabei ist der Mandelkern, eine kleine Region, die bei Bedrohung und Angst mitarbeitet. Der Alarm wird lauter. Ähnlich wirken schlechter Schlaf, Dauerstress und gedrückte Stimmung. Nach zu wenig Schlaf sind im Experiment schon Gesunde schmerzempfindlicher. Und wer Schmerz erwartet, spürt oft mehr. Es geht auch andersherum: Verstehen und Zuversicht können die körpereigene Bremse stärken. Ehrlich gesagt ist jeder dieser Effekte für sich meist klein bis mittel. Und nein, das heißt nicht, dass der Schmerz eingebildet ist. Er ist echt. Nur hängt seine Lautstärke an mehr als am Gewebe.
Sozial: Arbeit, Familie, Rückhalt
Und das Soziale? Das zeigt kein Modell, und doch spürt es der Körper. Wie läuft es bei der Arbeit? Wer hilft zu Hause? Reicht das Geld? Sind Sie viel allein? Sorgen um Arbeit, Geld oder Familie bedeuten Stress. Den steuert unter anderem der Hypothalamus, eine Schaltzentrale für Stresshormone tief im Gehirn. Studien zeigen: Wer wenig verdient oder sich einsam fühlt, bekommt häufiger Dauerschmerzen. Eintönige Arbeit hängt mit mehr Rückenbeschwerden zusammen. Und wer selbst nicht glaubt, bald wieder arbeiten zu können, bleibt oft länger krankgeschrieben. Das sind Zusammenhänge, kein Schicksal. Auch die Reaktionen anderer zählen. Hört jemand ständig, er müsse auf seinen Rücken aufpassen, wächst die Angst. Das gilt übrigens auch für uns Therapeuten. Wie das alles zusammenspielt, probieren Sie im nächsten Schritt selbst aus.
Der Lautstärkeregler
Jetzt sind Sie dran. Im Bild sehen Sie Schalter mit Dingen aus dem Alltag. Das Gewebe im Rücken bleibt dabei immer gleich gereizt. Schalten Sie an, was gerade auf Sie zutrifft: schlecht geschlafen, Stress bei der Arbeit, die Sorge, dass etwas kaputt ist. Die roten Meldungen nach oben werden lauter. Dann schalten Sie dazu, was gut tut: verstehen, was los ist, Bewegung, Menschen, die zu Ihnen halten, ein klares Ziel. Die grüne Bremse von oben wird stärker. Gleiches Gewebe, andere Lautstärke. Ehrlich gesagt: Wie stark jeder Schalter wirkt, ist grob geschätzt. Das ist eine Veranschaulichung, kein Rechner. Bei jedem Menschen mischt es sich anders, und genau das schauen wir uns gemeinsam an.
Was den Alarm oft lauter macht
- Schlecht geschlafen: Nach zu wenig Schlaf sind sogar Gesunde schmerzempfindlicher, und schlechter Schlaf sagt in Studien neue und stärkere Schmerzen voraus.
- Stress bei der Arbeit: Hoher Druck, wenig Mitsprache und eintönige Arbeit hängen in Langzeitstudien mit mehr Beschwerden an Rücken und Gelenken zusammen, wenn auch nur schwach.
- Sorge: Da ist etwas kaputt: Wer Schaden befürchtet, bei dem bewertet das Gehirn jede Meldung als gefährlicher und dreht den Alarm hoch.
- Angst vor Bewegung, viel Schonung: Wer aus Angst Bewegung meidet, verliert Kraft und Vertrauen in den eigenen Körper, und die Einschränkung wächst.
- Allein mit dem Problem: Einsamkeit hängt in Studien mit häufigeren und länger anhaltenden Schmerzen zusammen.
Was ihn oft leiser macht
- Verstehen, was los ist: Wer weiß, dass Schmerz ein Schutzsignal ist und nicht jeder Schmerz Schaden bedeutet, hat oft weniger Angst vor Bewegung.
- Bewegung, die gut tut: Bewegung wirft die körpereigene Schmerzbremse an, und regelmäßiges Training senkt Schmerzen bei vielen Beschwerden, wenn auch meist mäßig.
- Rückhalt von Familie und Freunden: Menschen, die zuhören und mitziehen, ohne Sie in Watte zu packen, nehmen Druck raus und machen Bewegung leichter.
- Gut geschlafen: Ausgeschlafen ist das Alarmsystem meist gelassener als nach einer kurzen Nacht.
- Ein klares Ziel vor Augen: Ein Ziel, das Ihnen wichtig ist, lenkt den Blick auf das, was schon geht, und macht Fortschritte sichtbar.
Was das für Ihre Behandlung heißt
Was heißt das für Ihre Behandlung? Zuerst erkläre ich, was in Ihrem Körper los ist. Das allein senkt den Schmerz in Studien nur wenig, nimmt aber oft die Angst vor Bewegung. Dann frage ich nach Dingen, die scheinbar nichts mit dem Rücken zu tun haben: Schlaf, Stress, Arbeit, wer Sie unterstützt. Und was Sie wieder können wollen. Daraus machen wir gemeinsam Ziele. Dann geht es Schritt für Schritt an das, was Sie meiden. Die Last steigt nach Plan, nicht nach Tagesform. Bewegung wirft dabei die körpereigene Bremse an. Manchmal braucht es mehr: psychologische Unterstützung oder ein Gespräch mit dem Arbeitgeber. Das heißt nicht, dass Ihr Schmerz eingebildet ist. Es heißt, dass wir an mehreren Reglern drehen. Keiner davon wirkt Wunder, kombiniert aber etwas besser als Behandlung nur am Körper.
Kurz gesagt: Bio, Psycho, Sozial
Kurz gesagt: Das Gewebe liefert die Meldung. Ihr Gehirn macht daraus Schmerz und fragt dabei Ihren Schlaf, Ihre Sorgen, Ihren Stress, Ihre Arbeit und die Menschen um Sie herum. Das ist eine gute Nachricht. Denn an vielen dieser Regler können Sie selbst drehen, nicht nur ich mit meinen Händen. In einer großen Studie aus Australien half genau so ein Weg aus Verstehen, angstfreiem Bewegen und schrittweisem Steigern besser als die übliche Behandlung, auch nach einem Jahr noch. Wenn Sie also in diesem Atlas einen gereizten Muskel sehen: Das ist der Teil, den man sehen kann. Der Rest der Geschichte ist Ihr Leben.
Neue Taubheit oder Lähmung, Probleme mit Blase oder Darm, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder starke nächtliche Schmerzen: ärztlich abklären lassen. Wenn Sie sich seit Wochen niedergeschlagen fühlen oder nicht mehr weiterwissen: Sprechen Sie Ihre Hausarztpraxis an. In akuten Krisen hilft die Telefonseelsorge, kostenlos und rund um die Uhr.
Übungen dazu bei uns
So sehen die Übungen in unserem Trainingsraum aus, mit Martin im Foto und den arbeitenden Muskeln im Modell:
Mehr zu So wirkt Therapie
Manuelle Therapie: Was passiert beim Mobilisieren und Manipulieren?
Knacken, Gasblase, Botenstoffe: was die Hände wirklich auslösen
LesenWarum Bewegung Schmerzen dämpft
Die körpereigene Schmerzbremse, und wie Training sie anwirft
LesenKrafttraining: Was im Nervensystem und im Muskel passiert
Motorische Einheiten, Kraft vor Masse, stärkere Sehnen und Knochen
LesenTermin vereinbaren
Praxistermine buchen Sie online über Doctolib, rund um die Uhr, freie Termine sehen Sie sofort. Fragen und Hausbesuche per WhatsApp oder Telefon. Per WhatsApp antworten wir zuverlässig, ans Telefon gehen wir zwischen den Behandlungen. Mit ärztlicher Verordnung, für alle gesetzlichen Kassen und privat Versicherte.
PhysioPower · Vennstraße 103 · 52224 Stolberg-Venwegen · Parkplätze direkt vor der Tür · Mo bis Do 7:30 bis 18:30 Uhr, Fr bis 14:30 Uhr, Sa 8 bis 12 Uhr · Termine nach Vereinbarung
