Krankheitsbild · Rücken und Nacken
Nacken: Warum der Schmerz in den Arm zieht
Ausstrahlung in den Arm: Nervenwurzel, Gelenk, Schulter, Engstelle oder Herz?
Rücken und Nacken7 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Vom Hals in die Hand: die Nerven für den Arm
Der Schmerz sitzt im Arm, manchmal bis in die Finger, aber das Problem liegt ganz woanders? Gehen wir auf Spurensuche. Die Halswirbel habe ich durchsichtig gemacht. Zwischen den Halswirbeln liegen kleine Bandscheiben. Dahinter und seitlich treten durch kleine Knochenlöcher die Nervenwurzeln aus, auf jeder Seite eine pro Etage. Aus den unteren Wurzeln entsteht das Armnervengeflecht. Daraus werden die großen Nerven für den Arm: der Mittelnerv, der Speichennerv und der Ellennerv. Jede Wurzel hat ihr eigenes Gebiet. Grob gesagt: C sechs die Daumenseite, C sieben den Mittelfinger, C acht den kleinen Finger. Die Grenzen sind bei jedem etwas anders. Schmerz im Arm kann aus ganz verschiedenen Ecken kommen. Gehen wir die Verdächtigen der Reihe nach durch.
Nervenwurzel gereizt: der Schmerz läuft den Nerv entlang
Verdächtiger Nummer eins: Eine Bandscheibe wölbt sich nach hinten seitlich vor. Bei Jüngeren ist das häufiger. Mit den Jahren engen eher knöcherne Anbauten das Nervenloch ein. Direkt daneben liegt die Nervenwurzel. Sie wird bedrängt und, ganz wichtig, sie entzündet sich und wird empfindlich. Druck allein auf eine gesunde Wurzel tut nämlich kaum weh. Jetzt zieht der Schmerz durch das Armnervengeflecht in die Schulter. Und weiter den Arm hinunter, bis in die Finger. Typisch: Der Arm tut mehr weh als der Nacken, dazu Kribbeln, Taubheit oder etwas Schwäche. Kopf nach hinten und zur kranken Seite neigen verstärkt es oft, weil das Nervenloch dabei enger wird. Am häufigsten trifft es die Wurzel C sieben, danach C sechs.
Warum tut die Hand weh, wenn der Hals das Problem ist?
Jetzt die eigentliche Frage: Warum tut die Hand weh, obwohl in der Hand gar nichts kaputt ist? Die Nervenfasern aus Ihrem Arm laufen durch diese Wurzeln am Hals. Gereizt und entzündet, oft durch Stoffe aus der Bandscheibe, wird so eine Wurzel empfindlich und feuert selbst. Diese Meldung läuft über das Rückenmark nach oben ins Gehirn. Und das Gehirn kennt diese Leitung nur als Leitung aus dem Arm. Also spüren Sie den Schmerz dort, wo die Leitung endet: in Arm, Hand und Fingern. Wie beim Telefon: Rauscht es in der Leitung, klingt es, als käme es vom Anrufer am anderen Ende. Deshalb kribbelt oder brennt es oft in einem schmalen Streifen, und die Hand selbst ist gesund. Wird die Wurzel ruhiger, wird es auch im Arm ruhiger.
Ohne Nerv: übertragener Schmerz aus Gelenken und Muskeln
Verdächtiger Nummer zwei kommt ganz ohne Nerv aus. Hinten zwischen den Halswirbeln liegen kleine Gelenke, die Wirbelgelenke. Dazu kommen die Nackenmuskeln, hier der Kapuzenmuskel. Sind nur sie gereizt, kann es trotzdem in Schulter, Schulterblatt und Oberarm weh tun. Hier als flächiger Schein. Der Grund: Nacken und Arm melden über dieselben Schaltstellen im Rückenmark. Das Gehirn kann die Signale nicht sauber trennen und verortet den Schmerz nur grob. Dieser übertragene Schmerz ist dumpf, tief und schwer mit dem Finger zu zeigen. Meist bleibt er rumpfnah, in Nacken, Schulterblatt und Oberarm, ohne Kribbeln und ohne Taubheit. Und oft ist beides gleichzeitig da.
Wenn es gar nicht der Hals ist
Und manchmal ist es gar nicht der Hals. Die Schulter zum Beispiel: Eine gereizte Sehne unter dem Schulterdach schmerzt oft außen am Oberarm, besonders beim Heben. Oder ein Nerv ist weiter unten eingeengt. Im Karpaltunnel am Handgelenk kribbeln dann vor allem Daumen, Zeige- und Mittelfinger, typisch in der Nacht. Am Ellenbogen kann der Ellennerv gereizt sein. Dann kribbeln eher der kleine Finger und der Ringfinger. Und ganz wichtig: das Herz. Kommt zum Armschmerz Druck oder Enge in der Brust, Atemnot oder kalter Schweiß, wählen Sie sofort den Notruf. Das klärt keine Physiotherapie.
Entlastung: wenn der Arm ruhiger wird
Zurück zur gereizten Wurzel. Der Schmerz zieht wieder bis in die Finger. Manchen hilft eine einfache Haltung: die Hand auf den Kopf legen. Dann steht der Nerv weniger unter Zug, und die Wurzel wird ruhiger. Zieht sich der Schmerz dabei aus den Fingern zurück, erst aus der Hand, dann aus dem Unterarm, ist die Wurzel gerade weniger gereizt. Am Bein ist das als gutes Zeichen gut untersucht, am Arm weniger. Ich nutze es trotzdem als Wegweiser: Was den Arm ruhiger macht, kommt öfter dran. Wandert der Schmerz dagegen weiter nach unten, war es gerade zu viel. Dann passen wir an, statt durchzuziehen.
Bei uns: untersuchen, testen, ausschließen
Bei uns gehen wir die Verdächtigen gemeinsam durch. Ich frage: Wo genau im Arm, welche Finger kribbeln, ist es nachts schlimmer? Und immer auch: Gibt es Druck in der Brust, Atemnot, ungeschickte Hände? Dann prüfe ich die Nerven: Kraft, Reflexe und Gefühl. Ich neige Ihren Kopf vorsichtig nach hinten zur kranken Seite. Schießt der Schmerz in den Arm, spricht das deutlich für die Wurzel. Bleibt er aus, schließt das wenig aus. Dazu kommen Tests, die den Nerv am Arm sanft auf Zug bringen. Sind sie alle unauffällig, ist eine gereizte Wurzel eher unwahrscheinlich. Einzeln sind all diese Tests unsicher, erst zusammen ergeben sie ein Bild. Ich achte auch auf das Rückenmark, das im Hals noch im Kanal liegt. Ungeschickte Hände beim Knöpfen oder Schreiben, ein unsicherer Gang, Beschwerden in beiden Armen: Dann geht es zügig zum Arzt. Ein MRT zeigt übrigens bei den meisten Erwachsenen vorgewölbte Bandscheiben, auch ganz ohne Schmerz. Ich schaue mir auch Schulter, Ellenbogen und Handgelenk an. Dann passen wir den Plan gemeinsam an: Wieder durchschlafen, am Schreibtisch arbeiten, beim Autofahren über die Schulter schauen?
Was hilft
Was hilft? Die gute Nachricht zuerst: Bei den meisten wird es in den ersten Monaten deutlich besser, auch ohne Operation. Bei manchen kommt es später wieder, dann wissen Sie aber, was zu tun ist. Was wir bei der Untersuchung herausfinden, entscheidet, in welcher Phase Sie starten. Phase eins: beruhigen. Haltungen finden, die den Arm ruhiger machen, die Hand auf dem Kopf etwa. Eine halbfeste Halskrause kann für kurze Zeit lindern, ein paar Tage, nicht Wochen. Bewegen, so weit es erträglich ist. Zieht der Schmerz weiter in die Hand, war es zu viel. Phase zwei: aufbauen. Rudern mit dem Band, ruhig ziehen, langsam zurück. Dazu den Kopf sanft bewegen und den Nerv vorsichtig gleiten lassen, so weit es angenehm ist. Behandlung von Hand und sanfter Zug am Hals können zusätzlich etwas helfen. Die Effekte sind in Studien eher klein, eine beste Methode gibt es nicht. Phase drei: belastbar. Schulterdrücken mit dem Band und Liegestütz an der Stange, bis Arm und Nacken wieder tragen, was Ihr Alltag verlangt. Und die Operation? Sie lindert den Armschmerz oft schneller. Nach ein bis zwei Jahren waren die Ergebnisse in den meisten Studien ähnlich. Nimmt die Schwäche zu oder bleibt der Schmerz trotz allem stark, besprechen wir das mit dem Arzt. Weiter geht es nach dem Arm, nicht nach dem Kalender.
Sofort 112 bei Druck oder Enge in der Brust mit Schmerz im Arm, Luftnot oder kaltem Schweiß. Zügig zum Arzt bei ungeschickten Händen, unsicherem Gang, Beschwerden in beiden Armen oder zunehmender Schwäche.
Mehr als Anatomie: Hier sehen Sie den körperlichen Teil. Wie stark etwas weh tut, hängt auch von Schlaf, Stress, Sorgen und Erfahrungen ab und davon, wie es bei der Arbeit und zu Hause läuft. Das macht den Schmerz nicht weniger echt, mehr dazu in „Schmerz ist mehr als Gewebe“. Zur Erklärung
Übungen dazu bei uns
So sehen die Übungen in unserem Trainingsraum aus, mit Martin im Foto und den arbeitenden Muskeln im Modell:
Mehr zu Rücken und Nacken
Bandscheibenvorfall und Ischias (L5/S1)
Schmerz zieht ins Bein
LesenRücken: Warum der Schmerz ins Bein zieht
Ausstrahlung ins Bein: Nerv, Gelenk, Hüfte oder Gefäß?
LesenHexenschuss (akuter Kreuzschmerz)
Plötzlich eingeschossen, jede Bewegung tut weh
LesenChronischer Rückenschmerz
Seit Monaten Rückenschmerz, und kein Befund erklärt ihn
LesenSpinalkanalstenose (enger Wirbelkanal)
Beim Gehen schwere Beine, im Sitzen ist es weg
LesenWirbelgleiten und Spondylolyse (Spondylolisthesis)
Ein Riss im Wirbelbogen oder ein Wirbel, der nach vorn gerutscht ist
LesenTermin vereinbaren
Praxistermine buchen Sie online über Doctolib, rund um die Uhr, freie Termine sehen Sie sofort. Fragen und Hausbesuche per WhatsApp oder Telefon. Per WhatsApp antworten wir zuverlässig, ans Telefon gehen wir zwischen den Behandlungen. Mit ärztlicher Verordnung, für alle gesetzlichen Kassen und privat Versicherte.
PhysioPower · Vennstraße 103 · 52224 Stolberg-Venwegen · Parkplätze direkt vor der Tür · Mo bis Do 7:30 bis 18:30 Uhr, Fr bis 14:30 Uhr, Sa 8 bis 12 Uhr · Termine nach Vereinbarung
