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Krankheitsbild · Rücken und Nacken

Rücken: Warum der Schmerz ins Bein zieht

Ausstrahlung ins Bein: Nerv, Gelenk, Hüfte oder Gefäß?

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Rücken und Nacken7 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut

Zwei große Nerven fürs Bein

Der Schmerz sitzt im Bein, aber das Problem ganz woanders? Klingt verrückt, passiert aber ständig. Gehen wir auf Spurensuche. So ist Ihr Bein an den Rücken angeschlossen: Unten aus Lendenwirbelsäule und Kreuzbein treten die Nervenwurzeln aus. Die unteren, ab L vier abwärts, bilden hinten den Ischiasnerv, den dicksten Nerv des Körpers. Er läuft hinten am Oberschenkel hinunter und teilt sich über der Kniekehle in zwei Äste für Unterschenkel und Fuß. Vorn läuft der Oberschenkelnerv, aus den Wurzeln L zwei bis L vier. Er versorgt die Vorderseite des Oberschenkels. Schmerz im Bein kann aus ganz verschiedenen Ecken kommen. Gehen wir die Verdächtigen der Reihe nach durch.

Nervenwurzel gereizt: der Schmerz läuft den Nerv entlang

Verdächtiger Nummer eins, der Klassiker: Die unterste Bandscheibe wölbt sich nach hinten vor. Direkt daneben liegt eine Nervenwurzel. Sie wird bedrängt und, ganz wichtig, sie entzündet sich. Druck allein auf eine gesunde Wurzel tut nämlich kaum weh. Jetzt schießt der Schmerz den Nerv entlang, über das Gesäß bis hinunter in den Fuß. Typisch: Das Bein tut mehr weh als der Rücken, oft bis unter das Knie, wie ein schmaler Streifen. Manchmal mit Kribbeln, Taubheit oder Schwäche. Bei L fünf eher außen am Schienbein und auf dem Fußrücken, bei S eins eher in Wade und Fußsohle. Bei Älteren kann statt der Bandscheibe auch eine Enge im Wirbelkanal die Wurzel bedrängen.

Warum tut der Fuß weh, wenn der Rücken das Problem ist?

Bleiben wir kurz hier, denn das ist die eigentliche Frage: Warum tut der Fuß weh, obwohl im Fuß gar nichts kaputt ist? Die Nervenfasern aus Wade und Fuß laufen durch die Wurzeln im unteren Rücken. Gereizt und entzündet, oft durch Stoffe aus der Bandscheibe, wird so eine Wurzel empfindlich und feuert selbst. Diese Meldung läuft über das Rückenmark nach oben ins Gehirn. Und das Gehirn kennt diese Leitung nur als Leitung aus dem Bein. Also spüren Sie den Schmerz dort, wo die Leitung endet: in Wade und Fuß. Wie beim Telefon: Rauscht es in der Leitung, klingt es, als käme es vom Anrufer am anderen Ende. Deshalb zieht es oft wie ein schmaler Streifen, und der Fuß selbst ist gesund. Wird die Wurzel ruhiger, wird es auch im Bein ruhiger.

Ohne Nerv: übertragener Schmerz aus Gelenken

Verdächtiger Nummer zwei kommt ganz ohne Nerv aus. Hinten zwischen den Wirbeln liegen kleine Gelenke, die Wirbelgelenke. Und hier die Bänder am Kreuzdarmbeingelenk, zwischen Kreuzbein und Becken. Sind nur sie gereizt, kann es trotzdem im Gesäß und im Oberschenkel weh tun. Hier als diffuser Schein. Der Grund: Rücken und Bein melden über dieselben Schaltstellen im Rückenmark. Das Gehirn kann die Signale nicht sauber trennen und verortet den Schmerz nur grob. Dieser übertragene Schmerz ist dumpf, tief und schwer mit dem Finger zu zeigen. Meist bleibt er über dem Knie, ohne Kribbeln und ohne Taubheit. Bandscheibe und Muskeln können das auch. Und oft ist beides gleichzeitig da.

Wenn es gar nicht der Rücken ist

Und manchmal ist es gar nicht der Rücken. Das Hüftgelenk zum Beispiel. Es schmerzt in Gesäß, Leiste und Oberschenkel, manchmal bis unter das Knie. Oder eine verengte Beinarterie, die Schaufensterkrankheit. Beim Gehen wird die Wade hart und schmerzt, nach kurzem Stehenbleiben ist es weg. Betroffen sind vor allem Raucher und Diabetiker. Ähnlich fühlt sich eine Enge im Wirbelkanal an. Nur hilft da Stehenbleiben wenig, Hinsetzen oder Vorbeugen schon. Am Einkaufswagen geht es plötzlich besser. Und die Venen? Eine Thrombose macht die Wade dick, warm und gespannt. Damit gehen Sie sofort zum Arzt. Krampfadern machen eher schwere, müde Beine. Ein Ziehen vom Rücken ins Bein kommt von den Venen nicht.

Zentralisierung: wenn der Schmerz zurückweicht

Jetzt ein Zeichen, auf das ich bei jedem achte. Zurück zur gereizten Wurzel: Der Schmerz zieht wieder bis in den Fuß. Bei bestimmten Bewegungen oder Haltungen, oft wiederholt, passiert dann etwas Gutes: Der Schmerz zieht sich zurück. Erst aus dem Fuß, dann aus der Wade, bis er nur noch im Gesäß oder im Rücken sitzt. Das heißt Zentralisierung. Der Rücken darf dabei kurz mehr weh tun. Trotzdem ein gutes Zeichen: Wer zentralisiert, hat in Studien meist die besseren Aussichten. Rutscht da eine Bandscheibe zurück an ihren Platz? Nein. Eher wird die Wurzel ruhiger. Warum genau, weiß man nicht. Wandert der Schmerz dagegen weiter nach unten, ist die Bewegung gerade zu viel. Dann passen wir sie an, statt durchzuziehen.

Bei uns: untersuchen, testen, ausschließen

Bei uns gehen wir die Verdächtigen gemeinsam durch. Ich frage: Wo genau, wie weit nach unten, Kribbeln oder Taubheit? Wird es beim Gehen schlimmer und im Sitzen besser? Und immer die Warnzeichen: Taubheit im Schritt, Blase, Darm, ein immer schwächeres Bein. Dann prüfe ich die Nerven: Kraft, Reflexe, Gefühl, und den Beintest im Liegen oder im Sitzen. Zieht es dabei bis unter das Knie, spricht das für die Wurzel. Einzeln sind diese Tests unsicher, erst zusammen ergeben sie ein Bild. Ich bewege auch die Hüfte, taste die Fußpulse und schaue mir die Wade an. Fehlen die Pulse, schicke ich Sie zur Gefäßmessung. Eine dicke, warme Wade gehört noch am selben Tag zum Arzt. Dann passen wir den Plan gemeinsam an: Was soll wieder gehen? Sitzen im Auto, die Runde mit dem Hund, Fußball mit den Kindern?

Was hilft

Was hilft? Erst ein Wort zum Rückenmark. Es gehört zum Wichtigsten, was wir haben, deshalb liegt es gut geschützt im knöchernen Wirbelkanal. Und es endet schon etwa am ersten bis zweiten Lendenwirbel, darunter laufen nur Nervenwurzeln. Muskeln legen sich also nicht schützend darum. Aber Krafttraining und Bewegung machen den ganzen Rücken belastbarer: Muskeln, Knochen, sogar Bandscheiben passen sich an Last an. Und wer weniger Angst vor Bewegung hat, kommt meist besser zurück. Was wir bei der Untersuchung herausfinden, entscheidet, in welcher Phase Sie starten. Phase eins: beruhigen. Bewegen, so weit es erträglich ist. Bettruhe ist nicht besser. Gehen ist ein guter Anfang, und Bewegungen, die das Bein ruhiger machen, kommen öfter dran. Wandert der Schmerz weiter ins Bein, war es zu viel. Phase zwei: aufbauen. Beim Kreuzheben mit Band stehe ich auf dem Band, schiebe das Gesäß nach hinten und richte mich aus der Hüfte auf. Erst leicht, dann schwerer. Phase drei: belastbar. Der Alltag: eine Kiste vom Boden heben. Ob mit rundem oder geradem Rücken, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass Sie es sich wieder zutrauen. Der Rücken ist in der Regel sehr belastbar. Das Tempo bestimmen Ihre Beschwerden, nicht der Kalender. Bei vielen wird es über Wochen bis Monate deutlich besser, bei manchen dauert es länger. Taubheit im Schritt, Probleme mit Blase oder Darm, ein immer schwächeres Bein: sofort zum Arzt.

Sofort zum Arzt bei Taubheit im Schritt, Blasen- oder Darmstörung, zunehmender Lähmung im Bein, oder einer dicken, warmen, gespannten Wade.

Mehr als Anatomie: Hier sehen Sie den körperlichen Teil. Wie stark etwas weh tut, hängt auch von Schlaf, Stress, Sorgen und Erfahrungen ab und davon, wie es bei der Arbeit und zu Hause läuft. Das macht den Schmerz nicht weniger echt, mehr dazu in „Schmerz ist mehr als Gewebe“. Zur Erklärung

Übungen dazu bei uns

So sehen die Übungen in unserem Trainingsraum aus, mit Martin im Foto und den arbeitenden Muskeln im Modell:

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