Krankheitsbild · Rücken und Nacken
Chronischer Rückenschmerz
Seit Monaten Rückenschmerz, und kein Befund erklärt ihn
Rücken und Nacken4 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Der Weg des Schmerzes
Seit Monaten Rückenschmerzen, drei Ärzte, zwei MRTs, und keiner findet den Grund. Kennen Sie das? Dann schauen wir uns heute nicht nur den Rücken an, sondern die Leitung dahinter. In Muskeln, Bändern, Gelenken und Bandscheiben sitzen Nervenenden, wie Sensoren. Sie melden Druck, Zug, Hitze und Entzündung über die Nervenwurzeln zum Rückenmark. Im Rückenmark liegt eine Schaltstelle, das Hinterhorn. Dort wird das Signal verstärkt oder gedämpft und dann zum Gehirn geschickt. Und erst das Gehirn entscheidet, ob es weh tut. Schmerz ist ein Schutzsignal, kein Messgerät für Schaden. Meistens passt beides gut zusammen. Wenn Schmerz bleibt, oft nicht mehr.
Die Alarmanlage wird empfindlicher
Halten Schmerzen länger als drei Monate an, sprechen wir von chronisch. Dann verändert sich oft weniger im Rücken als in der Leitung. Die Signale aus dem Rücken laufen weiter nach oben, auch wenn das Gewebe längst ruhiger ist. Die Schaltstelle im Rückenmark dreht lauter. Wie eine Alarmanlage, die nicht mehr nur beim Einbrecher losgeht, sondern schon bei der Katze. Und die Bremse von oben wird schwächer. Das Gehirn kann Schmerz nämlich selbst dämpfen. Schlechter Schlaf kann diese Bremse schwächen, Dauerstress und Angst vor Bewegung halten den Alarm zusätzlich am Laufen. Messbar ist das: Menschen mit chronischem Rückenschmerz reagieren in Studien sogar am Schulterblatt empfindlicher auf Druck. Der Schmerz ist echt. Nur sagt er weniger über Schaden als am Anfang.
Bei uns: untersuchen, testen, ausschließen
Bei uns schließe ich zuerst aus, was nicht übersehen werden darf: Warnzeichen wie Lähmung, Taubheit im Schritt, Fieber oder Gewichtsverlust. Dann prüfe ich Nerven, Kraft und Beweglichkeit. Und ich frage nach Dingen, die mit dem Rücken scheinbar nichts zu tun haben: Wie schlafen Sie? Wie viel Stress ist gerade? Welche Bewegungen meiden Sie, weil Sie Angst haben, etwas kaputt zu machen? Die alten MRT-Bilder schauen wir gemeinsam an. Verschleiß und Vorwölbungen finden sich auch bei vielen Menschen ohne jeden Schmerz, mit sechzig eher die Regel als die Ausnahme. Sie erklären Ihren Schmerz deshalb selten allein. Dann passen wir den Plan gemeinsam an: Was haben Sie wegen des Rückens aufgegeben? Genau das holen wir uns zurück.
Was hilft
Was hilft? Training, und zwar fast egal welches. In Studien helfen Kraft, Pilates, Ausdauer oder gezielte Rückenübungen, keine Form ist sicher die beste. Was wir bei der Untersuchung herausfinden, entscheidet, in welcher Phase Sie starten. Phase eins: beruhigen. Wir beruhigen hier weniger das Gewebe als das Alarmsystem. Verstehen, was los ist, Schlaf und Stress ernst nehmen, jeden Tag etwas Bewegung, die sich sicher anfühlt. Phase zwei: aufbauen. Kreuzheben mit Band, Gesäß nach hinten, aus der Hüfte hoch. Die Last steigt nach Plan, nicht nach Tagesform. Etwas mehr Schmerz danach ist erlaubt, solange er am nächsten Tag wieder abklingt. Phase drei: belastbar. Genau die Bewegungen, die Sie gemieden haben: heben, tragen, bücken. In einer großen Studie aus Australien half so ein Weg aus Verstehen, angstfreiem Bewegen und Steigern deutlich besser als die übliche Behandlung, auch nach einem Jahr noch. Starke Schmerzmittel wie Opioide waren über ein Jahr nicht besser als einfache. Das Tempo bestimmt Ihr Alltag, nicht der Kalender.
Neue Taubheit oder Lähmung, Probleme mit Blase oder Darm, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust: ärztlich abklären lassen.
Mehr als Anatomie: Hier sehen Sie den körperlichen Teil. Wie stark etwas weh tut, hängt auch von Schlaf, Stress, Sorgen und Erfahrungen ab und davon, wie es bei der Arbeit und zu Hause läuft. Das macht den Schmerz nicht weniger echt, mehr dazu in „Schmerz ist mehr als Gewebe“. Zur Erklärung
Übungen dazu bei uns
So sehen die Übungen in unserem Trainingsraum aus, mit Martin im Foto und den arbeitenden Muskeln im Modell:
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