Krankheitsbild · Rücken und Nacken
Wirbelgleiten und Spondylolyse (Spondylolisthesis)
Ein Riss im Wirbelbogen oder ein Wirbel, der nach vorn gerutscht ist
Rücken und Nacken4 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Wirbelkörper, Wirbelbogen und eine schmale Brücke
Im Befund steht Wirbelgleiten, und das klingt, als würde die Wirbelsäule gleich auseinanderfallen. Tut sie nicht. Wir schauen von der Seite auf den unteren Rücken. Jeder Lendenwirbel hat vorn einen kräftigen Wirbelkörper und hinten einen Bogen. Am Bogen sitzen oben und unten kleine Gelenkfortsätze, die mit dem Nachbarwirbel die Wirbelgelenke bilden. Zwischen oberem und unterem Gelenkfortsatz liegt eine schmale Knochenbrücke, die Pars interarticularis, auf Deutsch etwa Zwischengelenkstück. Sie hält den Wirbel hinten fest, wie ein Riegel. Der unterste Lendenwirbel sitzt auf dem schräg geneigten Kreuzbein. Er möchte deshalb ständig ein wenig nach vorn rutschen, und dieser Riegel hält dagegen.
Riss im Bogen oder Lockerung im Alter
Der erste Weg beginnt meist in der Jugend. Wiederholtes Strecken und Drehen, beim Turnen, Tanzen oder Werfen, kann in der Knochenbrücke einen Ermüdungsbruch auslösen. Das heißt Spondylolyse. Bricht die Brücke auf beiden Seiten, kann der Wirbel ein Stück nach vorn gleiten. Das ist das eigentliche Wirbelgleiten. Der zweite Weg kommt mit den Jahren, eher ab fünfzig und häufiger bei Frauen. Bandscheibe und Wirbelgelenke nutzen sich ab, das Segment wird lockerer, meist zwischen viertem und fünftem Lendenwirbel. Der Bogen ist dabei ganz. Dann kann der Kanal eng werden, mit schweren Beinen beim Gehen wie bei der Spinalkanalstenose. Und jetzt die Überraschung: Viele tragen so einen Riss oder ein Gleiten, ohne dass es ihnen Rückenschmerzen macht.
Bei uns: untersuchen, testen, ausschließen
Bei Jugendlichen frage ich: Welcher Sport, wie viel Training, tut das Strecken nach hinten weh? Bei jungen Sportlern mit anhaltendem Kreuzschmerz steckt deutlich öfter ein Ermüdungsbruch dahinter als bei Erwachsenen. Dann gehört der Rücken zum Arzt, oft braucht es ein Bild. Bei Älteren frage ich nach den Beinen: Wie weit kommen Sie, hilft Hinsetzen? Ich prüfe Kraft, Gefühl und Reflexe. Taubheit im Schritt, Blase, Darm oder ein schwächer werdendes Bein: sofort zum Arzt. Und das Röntgenbild? Ein Gleiten im Alter nahm in einer Studie nur bei etwa jedem Dritten weiter zu, und das hatte mit den Beschwerden nichts zu tun. Oft festigt sich das Segment mit der Zeit von selbst wieder. Dann passen wir den Plan gemeinsam an: zurück in die Turnhalle, wieder Gartenarbeit, längere Spaziergänge?
Was hilft
Beide Wege werden meistens ohne Operation behandelt. Junge Sportler kehrten in Studien ohne Operation genauso oft in ihren Sport zurück wie mit, etwa neun von zehn. Was wir bei der Untersuchung herausfinden, entscheidet, in welcher Phase Sie starten. Phase eins: beruhigen. Bei Jugendlichen eine Pause von dem, was weh tut, vor allem Strecken und Drehen unter Last. Den Rest bewegen. Wie lange, entscheiden Beschwerden und Arzt. Phase zwei: aufbauen. Kniebeuge und Kreuzheben mit Band, dazu das Band vor der Brust halten, ohne sich zur Seite drehen zu lassen. Hüfte und Rumpf werden kräftiger. Phase drei: belastbar. Zurück zum Strecken, Springen, Werfen, schrittweise bis zur vollen Belastung im Sport oder im Garten. Bei Älteren mit Wirbelgleiten und starken Beinbeschwerden trotz Training ist eine Operation eine echte Option. In einer großen Studie war das Erweitern des Kanals allein ähnlich gut wie mit zusätzlicher Versteifung. Weiter geht es nach Beschwerden, nicht nach Kalender.
Taubheit im Schritt, Probleme mit Blase oder Darm oder ein immer schwächeres Bein: sofort ärztlich abklären lassen. Jugendliche Sportler mit anhaltendem Kreuzschmerz beim Strecken: ärztlich abklären lassen.
Mehr als Anatomie: Hier sehen Sie den körperlichen Teil. Wie stark etwas weh tut, hängt auch von Schlaf, Stress, Sorgen und Erfahrungen ab und davon, wie es bei der Arbeit und zu Hause läuft. Das macht den Schmerz nicht weniger echt, mehr dazu in „Schmerz ist mehr als Gewebe“. Zur Erklärung
Übungen dazu bei uns
So sehen die Übungen in unserem Trainingsraum aus, mit Martin im Foto und den arbeitenden Muskeln im Modell:
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