
Kniearthrose und Hüftarthrose
Arthrose ist keine Abnutzung wie bei einem Reifen. Sie ist ein Prozess im ganzen Gelenk, und sie lässt sich beeinflussen, vor allem durch das, was Sie selbst tun.
Knie und Hüfte3 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Was dahintersteckt
Knorpel hat keine Blutgefäße und keine Nerven. Er ernährt sich über Bewegung: Belastung presst Flüssigkeit heraus, Entlastung saugt sie an, Bewegungsmangel lässt ihn hungern. Bei der Arthrose wird er dünner, der Knochen darunter reagiert, die Kapsel kann sich entzünden, und die Muskulatur wird schwächer, oft lange bevor das Röntgenbild etwas zeigt. Der Schmerz kommt nicht aus dem Knorpel, sondern aus Knochen, Kapsel und Weichteilen. Und er passt schlecht zum Bild: Menschen mit schwerer Arthrose im Röntgen können beschwerdefrei sein, und umgekehrt.
Was die Forschung empfiehlt
Die Leitlinie ist deutlich: An erster Stelle stehen Aufklärung, Training mit Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit sowie das Körpergewicht. Regelmäßiges Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining nach Anleitung wird ausdrücklich empfohlen, Schmerzmittel ergänzen für begrenzte Zeit. Eine Gelenkspiegelung allein, um das Gelenk zu spülen oder zu glätten, wird bei Arthrose nicht mehr empfohlen. Ein künstliches Gelenk ist eine gute Option, wenn die Beschwerden trotz Monaten konsequenter Behandlung die Lebensqualität stark einschränken. Für die Hüfte gilt dasselbe.
Grundlage: S3-Leitlinie Gonarthrose der DGOU/DGOOC, Version 5.0, 2024; Leitlinie Koxarthrose 2019, in Überarbeitung. Eine Übersichtsarbeit von 2024 über 139 Studien bestätigt eine zuverlässige, im Durchschnitt moderate Wirkung von Training bei Kniearthrose.
Training verschlimmert Arthrose nicht. Es ist die am besten belegte Behandlung, die es gibt.
So sieht eine gute Behandlung aus
Verstehen und messen. Am Anfang steht die Erklärung, was Arthrose ist und was nicht, dazu ein Test: Kraft am Beinstrecker, Treppen, Gehstrecke. Nach zwölf Wochen wird erneut gemessen. Das ist der Beweis.
Kraft ist die Therapie. Beinpresse, Beinstrecker, Beinbeuger, dann Kniebeugemaschine und Schwungrad. Der Beinstrecker ist bei Arthrose besonders wertvoll, weil er den Oberschenkelmuskel isoliert dosiert. Anfangs mit kleinem Bewegungsumfang und wenig Widerstand, dann Woche für Woche mehr. Dazu Gleichgewicht und Gehen, gern mit Stöcken, wenn das die Strecke verlängert.
Langfristig. Arthrose bleibt. Das Training auch. Zweimal die Woche, dauerhaft, im Fitnessstudio oder zu Hause mit dem Bandprogramm.
Aus meiner Praxis
Herr W., 72, Arthrose in beiden Knien, dem man gesagt hatte, Training mache alles schlimmer. Wir haben mit fünf Kilo angefangen. Nach zwölf Wochen bewegte er das Dreifache und ging die Kellertreppe wieder vorwärts. Treppab braucht er weiter das Geländer. Das Röntgenbild blieb dasselbe. Sein Bewegungsradius nicht. (Einzelfall, anonymisiert; Verläufe sind individuell.)
Schmerz beim Training
Bei Arthrose gilt die Schmerz-Ampel unverändert: bis 5 von 10 während der Übung ist in Ordnung, wenn das Knie am nächsten Morgen nicht dicker oder schmerzhafter ist. Eine leichte Schwellung nach neuen Reizen ist normal und geht in 24 Stunden zurück.
„Von früher ist alles kaputt“
Fußball, Handball, Ringen: Wer jahrelang hart trainiert hat, hört diesen Satz oft und meint ihn ernst. Verschleiß im Bild gehört dazu, er erklärt den Schmerz aber nur zum Teil. Was fehlt, ist meist nicht Knorpel, sondern die Kraft von damals. Die kommt zurück, langsamer als mit zwanzig, aber sie kommt.
Und etwas, das ich selten jemanden sagen höre: Wer mit dreißig wegen des Knies aufgehört und seitdem zwanzig Kilo zugelegt hat, hat nicht ein Problem, sondern zwei. Für Knie, Herz und Kreislauf wiegt das zweite meist schwerer als das erste. Mein Fach ist Bewegung: Ihr Knie belastbar machen. Beim Abnehmen hilft eine Ernährungsberatung besser. Bei Arthrose lohnt es sich, beides gleichzeitig laufen zu lassen.
Kleine Hilfen
Gewicht. Beim Gehen wirkt ein Mehrfaches des Körpergewichts auf das Knie. Wer Übergewicht hat, entlastet es mit jedem Kilo mehrfach; etwa zehn Prozent weniger senken den Schmerz deutlich.
Stock auf der Gegenseite. Den Stock in der Hand gegenüber dem schmerzenden Knie halten. Treppe: mit dem guten Bein hoch, mit dem schlechten runter.
Vor einer Operation. Wer mit kräftigen Beinen in ein künstliches Gelenk geht, kommt danach meist schneller wieder auf die Beine. Die Wochen davor sind Trainingszeit.
Das Röntgenbild sagt, wie das Knie aussieht. Der Muskel entscheidet, wie es sich anfühlt.
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