
Bandscheibenvorfall und Ischias
Die gute Nachricht steht gleich am Anfang: Die meisten heilen ohne Operation.
Rücken3 Minuten LesezeitVon Martin Otto, Physiotherapeut
Was dahintersteckt
Die Bandscheibe hat einen weichen Kern und einen festen Ring. Tritt Kernmaterial durch den Ring, kann es eine Nervenwurzel bedrängen, mechanisch und durch Entzündungsstoffe. Der Nerv reagiert mit Schmerz entlang seines Versorgungsgebiets, mit Kribbeln, Taubheit und manchmal Kraftverlust. Das Kernmaterial wird vom Körper über Wochen bis Monate abgebaut; große Vorfälle schrumpfen dabei oft am stärksten.
Der Verlauf
Bei etwa zwei Dritteln bis drei Vierteln der Betroffenen bessern sich die Beschwerden innerhalb von sechs bis zwölf Wochen deutlich. Der Beinschmerz geht meist vor dem Rückenschmerz zurück. Taubheit kann länger bleiben, ohne dass das ein schlechtes Zeichen ist.
Was die Forschung empfiehlt
Die Leitlinien der Neurologen und der Orthopäden sind sich einig: zuerst ohne Operation. Das heißt Aufklärung, in Bewegung bleiben, Schmerzmittel für eine begrenzte Zeit und Physiotherapie mit aktiven Übungen. Ein MRT ist nötig bei Warnzeichen und bei deutlicher Lähmung, sonst wird es erwogen, wenn nach einigen Wochen keine Besserung eintritt und eine Entscheidung davon abhängt. Notfallmäßig operiert wird bei Blasen- oder Darmstörung, bei Taubheit zwischen den Beinen und bei einer neuen deutlichen oder zunehmenden Lähmung. Sonst ist die Operation eine Option, wenn mehrere Wochen konsequenter Behandlung nicht reichen.
Grundlage: Leitlinie Lumbale Radikulopathie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Leitlinie Bandscheibenvorfall der DGOU; beide werden derzeit überarbeitet.
Sofort zum Arzt
- Blase oder Darm lassen sich nicht mehr kontrollieren
- Taubheit zwischen den Beinen, am Gesäß oder an den Innenseiten der Oberschenkel
- Fuß oder Bein wird innerhalb von Stunden bis Tagen deutlich schwächer
So sieht eine gute Behandlung aus
Zuerst die Richtung finden. Kraft und Gefühl werden geprüft, damit der Verlauf vergleichbar bleibt. Dann wird die Bewegungsrichtung gesucht, die den Beinschmerz Richtung Rücken zurückholt. Oft ist das die Streckung. Diese Bewegung wird zur Heimübung, mehrmals täglich, in kleiner Dosis.
Dann Belastbarkeit. Sobald der Beinschmerz nachlässt, beginnt der Kraftaufbau: Beinpresse mit begrenztem Bewegungsumfang, Beinbeuger mit Band im Sitzen, Rudern, dann Rückenstrecker. Nervengleitübungen, bei denen das Bein sanft gestreckt und der Fuß bewegt wird, helfen vielen, den Nerv wieder beweglich zu machen. Sitzen und Gehen werden dosiert: kürzer, öfter, langsam länger.
Was nicht hilft. Bettruhe über die ersten Tage hinaus und das Warten auf ein MRT bringen nichts. Und es wird nichts „zurückgeschoben“: Manuelle Techniken können Schmerz lindern, aber niemand bewegt eine Bandscheibe von außen.
Aus meiner Praxis
Herr L., Lagerarbeiter, 38, Schmerz vom Gesäß bis in die Wade, im MRT ein deutlicher Vorfall. „Ich kann nicht abwarten, ich habe zwei Kinder.“ In der ersten Woche fanden wir die Richtung, die den Schmerz aus dem Bein zurückholte, in der zweiten stand er an der Beinpresse. Nach zehn Wochen war das Bein frei, nach vier Monaten hob er wieder Paletten. Das MRT hat er nie wiederholen lassen. (Einzelfall, anonymisiert; Verläufe sind individuell.)
Kleine Hilfen für sofort
Die Entlastungsposition. Stufenlagerung: Rückenlage, Unterschenkel auf einem Stuhl, Hüfte und Knie im rechten Winkel, fünf bis zehn Minuten. Danach aufstehen und gehen. Das beruhigt Symptome, es schiebt keine Bandscheibe zurück.
Wandert der Schmerz nach oben oder unten? Diese Frage ist nützlicher als „Wie stark tut es weh?“. Fuß und Wade besser, dafür etwas mehr im Rücken: meist ein guter Verlauf, weitermachen. Zieht es weiter Richtung Fuß, nehmen Taubheit oder Kraftverlust zu: Belastung anpassen und untersuchen lassen.
Kurz sitzen, oft gehen. Alle 20 bis 30 Minuten aufstehen, dafür mehrmals am Tag zehn Minuten gehen. Nachts: Seitenlage mit Kissen zwischen den Knien.
Die Spritze und die Bandscheibe
Eine Kortisonspritze dämpft die Entzündung am Nerv; der Schmerz wird für Wochen leiser. An Bandscheibe und Belastbarkeit ändert sie nichts. Meine Aufgabe ist, die schmerzarme Zeit zu nutzen: langsam aufbauen, was bleibt. Wann wieder belastet wird, sagt die Ärztin oder der Arzt.
Ein Bandscheibenvorfall heilt in den meisten Fällen von selbst. Die Aufgabe der Therapie ist, dass Sie in dieser Zeit stark und beweglich bleiben.
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